Bundesweite Nachrichten
15.05.2012 - SchuldnerKlima-Index Deutschland mit 102,3 Punkten im Frühjahr 2012 auf stabil-positivem Niveau mehr
15.05.2012 - Aktuelle Analyse zur Wirtschaftslage im österreichischen Mittelstand mehr
|
|
|
Startseite
Info-Center
Fachartikel & Checklisten
Unternehmensführung
Archiv
bAV bleibt Chefsache
bAV bleibt Chefsache
Die Vorteile der betrieblichen Altersvorsorge (bAV) nehmen durch die Finanzkrise weiter zu – doch noch immer verkennen viele Mittelständler ihr Potenzial. Warum das doppelt schade ist.
Auf dem Tisch vor Hans Runderstätt, 39 Jahre und Leiter eines Saarbrücker Baumarkts, liegen ein Schreiben der Gesetzlichen Rentenversicherung und, direkt daneben, die Berechnungen des Gothaer-Versicherungsvertreters Andreas Merkel. Die Rentenversicherung informiert Runderstätt über seine Monatsrente vom Jahr 2037 an, die deutlich unter seinen Erwartungen liegt – dabei ist der Kaufkraftverlust durch Inflation darin nicht einmal berücksichtigt. Für Axel Börsch-Supan ist das wenig überraschend: "Die Wirtschaftskrise beeinflusst die Rente stärker als bislang angenommen", warnt der Experte am Mannheimer Research Institute for the Economics of Aging (MEA). Geburtenjahrgänge ab 1960 würden demnach rund sechs bis neun Prozent weniger Rente erhalten. Je später der Renteneintritt, desto höher die Verluste.
Kein Wunder also, dass "die Bedeutung der betrieblichen Altersabsicherung (bAV) im Rahmen der gesamten Versorgung eines Arbeitnehmers in erheblichem Maße zunimmt", wie Wolfgang Berghofer, Vorstandsvorsitzender des Verbands der Betrieblichen Versorgungswerke für Unternehmen und Kommunen (BVUK), beobachtet. Bei der Drei-Säulen-Absicherung – staatliche Rente, private und betriebliche Vorsorge – gewinnt seiner Ansicht nach das Tragwerk "bAV" immer mehr an Gewicht – allerdings "bei niedriger Säulenhöhe", wie Christan Odenthal von der Finanzgesellschaft Watson Wyatt Heissmann kritisch anmerkt. Der Experte hat errechnet, dass unternehmensfinanzierte Versorgungspläne, vor 1990 eingeführt, im Median ein Leistungsniveau von etwa zehn Prozent des letzten Jahreseinkommens des aktiven Mitarbeiters aufweisen. Bei jüngeren Versorgungsplänen hingegen, ab 2006 eingeführt, sinke der Wert auf zirka sieben Prozent.
Doping fürs Employer Branding
Gothaer-Experte Merkel beeindruckt das wenig. Seine Argumente: Ein speziell auf eine Firma abgestimmtes Versorgungswerk bringt überdurchschnittliche Renditen, die Anlagemöglichkeiten sind vielfältiger und die Anlageprodukte besser geworden. Sein eindringlicher Rat an den Baumarktleiter: Alle Vorteile der betrieblichen Altersvorsorge nutzen. Die Krux: Der einst gelernte Installateur und heutige Marktmanager muss sich bei seinem Arbeitgeber zuerst einmal für die Einführung eines Versorgungssystems stark machen.
Damit ist Runderstätt nicht allein, wie eine Untersuchung von Delta Lloyd bestätigt. Nur jedes zweite KMU setzt seine Mitarbeiter überhaupt von den Vorsorgemöglichkeiten per bAV in Kenntnis. Nur in jedem vierten ist bAV Chefsache. Und gerade einmal sieben Prozent der Beschäftigten wollen sich im kommenden Jahr mit dem Thema eingehend beschäftigen. Verschenktes Potenzial, finden Experten, schließlich fallen für Arbeitnehmer für die Vorsorgebeiträge keine Sozialabgaben an, attraktive Steuereinsparungen sind möglich, vermögenswirksame Leistungen können einfließen – und bestehende Anwartschaften sind beim Wechsel des Arbeitgebers übertragbar.
Für Arbeitgeber ist die firmenindividuelle Altersregelung zudem ein wichtiges Instrument, um benötigte Fach- und Führungskräfte zu gewinnen und langfristig an das Unternehmen zu binden – bAV erhöht die Attraktivität des Unternehmens und des Arbeitsplatzes.
Und – in der Finanzierungskrise vielleicht noch wichtiger – bAV bringt dem Arbeitgeber auch Kosten- und Finanzvorteile: Denn wer für die Beiträge seiner Mitarbeiter keine Lohnnebenkosten abführen muss, verschafft sich größeren Liquiditätsspielraum. "Statt mit der Bank kurzfristig die Liquidität zu sichern, was wegen der Krise und Bankzurückhaltung nicht leicht zu erreichen ist, können Mittelständler mit der betrieblichen Altersvorsorge Kosten senken und Liquidität schaffen", erklärt Günther Soboll, Hauptbevollmächtigter der deutschen Niederlassung von Canada Life Assurance in Köln.
Zeitwertkonten ergänzen bAV
Dabei sollte bAV stets eine firmenindividuelle Lösung sein, wie BVUK-Vorstand Berghofer betont. Allein beim Finden der firmenoptimalen Lösung sieht er Schwierigkeiten: "bAV ist eine komplexe Materie, die fundiertes Wissen erfordert." Deshalb rät er Unternehmen zu einer professionellen Beratung. Diese sollte die Überprüfung der beabsichtigten Versorgungszusagen, einschließlich der gewünschten Versicherungsleistungen für Invalidität und den Hinterbliebenenschutz, der dazu gehörigen Finanzierung, die Erstellung versicherungsmathematischer und arbeitsrechtlicher Gutachten sowie die Umwandlung dieser Ergebnisse in konkrete Handlungsempfehlungen beinhalten. Zum Beispiel den geeigneten Durchführungsweg – zur Auswahl stehen Pensionskasse, Pensionsfonds, Direktversicherung, Direktzusage oder Unterstützungskasse.
Und laut Ralph Liebke, Chef der bundesweit tätigen Consulting-Gesellschaft Aon Jauch und Hübener, ist ein wichtiger Beratungsbereich zudem der Umgang mit M&A-Prozessen – also die Bedeutung der bAV beim Kauf oder Verkauf von Unternehmen oder Unternehmensteilen.
"Letztlich ist diejenige Lösung zu wählen, welche die mittel- und langfristige Liquiditäts- und Finanzsituation des Unternehmens fördert und den Aufwand mit dem Nutzen für das Unternehmen in Einklang bringt", resümiert Rüdiger Lekschas, Geschäftsführer der Gesellschaft für Betriebliche Pensionsplanung (GBP), eines Unternehmens der Sparkasse Hamburg.
Und wer sich am Markt nach der passenden bAV-Lösung für sein Unternehmen umsieht, sollte sich parallel hierzu auch über Lebensarbeitszeitkonten informieren. Bei diesen Zeitwertkonten lässt sich durch Ansammeln eines Wertguthabens ein vorzeitiger Ruhestand finanzieren oder das Kapital fürs Alter aufstocken. Das Wertguthaben ergibt sich aus angerechneten Sonderzahlungen, Tantiemen, Gewinnbeteiligungen und Mehrarbeitsstunden, also aus Gehaltsteilen und geldbewerteten Zeitguthaben. Zeitkontenmodelle sind auch für nicht sozialversicherungspflichtige Geschäftsführer nutzbar.
Autor: Gerd Zimmermann
"Keine Angst vor langfristigen Verpflichtungen"
Rolf Duben, Leiter des Firmengeschäfts der Delta Lloyd Deutschland AG in Wiesbaden, über die richtige Einführung von bAV
Herr Duben, mal Hand aufs Herz: Warum verfügen nach wie vor so wenige KMU über eine bAV?
Einer der Gründe für die Zurückhaltung der Arbeitgeber ist sicherlich die Komplexität des Themas: In großen Firmen ist meist die Personalabteilung damit betraut, in KMU gibt es eine derartige Fachabteilung mit entsprechendem Know-how oft nicht. Hinzu kommt ein enormes Informationsdefizit. Viele Arbeitgeber wissen einfach nicht, welche vielfältigen Möglichkeiten und Vorteile die betriebliche Altersversorgung bietet.
Ein weiterer Grund gerade bei kleinen und mittelständischen Unternehmen könnte auch die Angst vor langfristigen finanziellen Verpflichtungen sein. Dabei gibt es selbst dafür mittlerweile passende Lösungen. Delta Lloyd zum Beispiel bietet so genannte Versorgungszertifikate an, die zunächst auf fünf Jahre abgeschlossen werden und dann, je nach wirtschaftlicher Situation des Betriebes, jährlich verlängert werden können. Meiner Ansicht nach gilt es, die Unternehmen umfassend über die diversen Möglichkeiten und Vorteile der bAV zu informieren. Sie sind individuell zu beraten, um die für sie passende Lösung zu finden. Danach dürfen sie mit der Abwicklung nicht alleine gelassen werden.
Wie sind die Mitarbeiter zu informieren?
Die Bandbreite reicht von einfachen Informationsbroschüren, wie etwa Gehaltsbeilegern, über eine Präsentation des bAV-Angebots auf Mitarbeiterversammlungen oder eigens dafür organisierten Informationsveranstaltungen bis hin zu individuellen Beratungsgesprächen mit Fachberatern am Arbeitsplatz oder in der eigenen Wohnung. Unsere Studie "Kundenkompass bAV" hat gezeigt, dass in Sachen Information der Mitarbeiter noch ein großer Nachholbedarf besteht. Knapp 30 Prozent der Beschäftigten gaben an, ihr Arbeitgeber habe sein bAV-Angebot nur einmal auf einer Mitarbeiterversammlung präsentiert und danach nicht mehr viel davon hören lassen.
Was kann sich bei einer als optimal eingestuften, umgesetzten bAV-Lösung ändern?
Wenn sich rechtliche oder steuerliche Rahmenbedingungen ändern, kann das natürlich auch Auswirkungen auf eine bereits gefundene bAV-Lösung haben – sie muss gegebenenfalls angepasst werden. Ein wichtiger Punkt in diesem Zusammenhang ist auch das Thema Arbeitgeberwechsel. Im vergangenen Jahr hat der Gesetzgeber die Portabilität der bAV erleichtert, so dass bestehende Anwartschaften im Falle eines Wechsels des Arbeitgebers leichter übertragen werden können. Allerdings ist es dabei möglich, dass der neue Arbeitgeber andere Durchführungswege anbietet als der alte.
Die Fragen stellte Gerd Zimmermann. |
|
|
|